Im Meeting liegt Ihnen ein guter Einwand auf der Zunge, und zwei Minuten später sagt ihn jemand anderes. Viele Beschäftigte kennen diese Situation. Fachlich sind sie gut aufgestellt, im Arbeitsalltag wirken sie aber zurückhaltender, als sie sind. Das hat Folgen: Wer seine Ideen nicht einbringt, wird bei Projekten, Beförderungen und Gehaltsrunden leichter übersehen.
Die gute Nachricht: Selbstbewusstsein ist keine feste Charaktereigenschaft. Es wächst mit Erfahrung, und man kann es gezielt trainieren. Wir zeigen, woher Unsicherheit im Job kommt, was die Forschung über den Aufbau von Selbstvertrauen sagt und mit welchen konkreten Schritten Sie in Meetings, Gesprächen und bei Kritik souveräner auftreten. Außerdem räumen wir mit zwei populären Mythen zur Körpersprache auf.
Selbstbewusst aufzutreten heißt im Job vor allem: Sie wissen, was Sie können, und Sie stehen dazu. Sie sagen Ihre Meinung, auch wenn sie nicht jedem gefällt. Gleichzeitig geben Sie zu, wenn Sie etwas nicht wissen. Gerade diese Kombination wirkt glaubwürdig.
In der Psychologie hängt das eng mit der Selbstwirksamkeit zusammen. Der Begriff stammt von Albert Bandura und beschreibt die Überzeugung, eine bestimmte Aufgabe aus eigener Kraft bewältigen zu können. Wer diese Überzeugung hat, traut sich mehr zu, gibt bei Rückschlägen seltener auf und tritt entsprechend sicherer auf.
Wo die Grenze zur Überheblichkeit verläuft, zeigt sich am deutlichsten in konkreten Situationen:
| Situation | Unsicher | Selbstbewusst | Überheblich |
| Meeting | Schweigt, obwohl er eine Idee hat | Bringt seine Idee ein und begründet sie | Redet viel und lässt andere nicht ausreden |
| Eigener Fehler | Versteckt ihn oder entschuldigt sich übermäßig | Spricht ihn früh an und schlägt eine Lösung vor | Schiebt die Verantwortung auf andere |
| Kritik | Nimmt sie persönlich und zieht sich zurück | Fragt nach und prüft, was daran stimmt | Weist sie pauschal zurück |
| Wissenslücke | Überspielt sie aus Angst | Sagt „Das weiß ich nicht, ich kläre es bis morgen“ | Behauptet etwas, ohne es zu wissen |
| Erfolg | Spielt ihn herunter | Nennt ihn sachlich und erwähnt die Beteiligten | Stellt ihn als reine Einzelleistung dar |
Selbstbewusstsein ist also keine Frage der Lautstärke. Viele ruhige Menschen wirken sehr souverän, weil das, was sie sagen, Hand und Fuß hat.
Unsicherheit im Job hat selten einen einzigen Grund. Häufig kommen mehrere Faktoren zusammen, die sich gegenseitig verstärken:
Gerade die ersten Monate in einem neuen Job sind eine typische Phase für Selbstzweifel. Wie Sie diese Zeit gut nutzen, beschreiben wir im Beitrag Probezeit überstehen: Tipps für einen erfolgreichen Start.
Manche Menschen zweifeln an sich, obwohl ihre Leistung objektiv gut ist. Erfolge schreiben sie Glück oder Zufall zu und fürchten, irgendwann „aufzufliegen“. Dieses Muster haben die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes 1978 als Impostor-Phänomen beschrieben, im Deutschen oft Hochstapler-Syndrom genannt.
Eine systematische Übersichtsarbeit von Bravata und Kollegen (2020) hat 62 Studien dazu ausgewertet. Die gemessene Häufigkeit schwankte stark zwischen 9 und 82 Prozent, vor allem abhängig davon, mit welchem Fragebogen und welchem Grenzwert gemessen wurde. Betroffen waren Männer und Frauen gleichermaßen, vom Berufseinstieg bis zur späten Karriere. Die Autorinnen und Autoren fanden Zusammenhänge mit geringerer Arbeitszufriedenheit, schwächerer Leistung und Burnout. Eine offizielle Diagnose ist das Hochstapler-Syndrom allerdings nicht.
Hinweis Halten Selbstzweifel über längere Zeit an, rauben Ihnen den Schlaf oder gehen mit Erschöpfung einher, sprechen Sie mit Ihrer Hausärztin, Ihrem Hausarzt oder einer psychotherapeutischen Beratung. Warnzeichen für Überlastung beschreibt unser Beitrag Stress im Job: So können Sie Stress bei der Arbeit reduzieren.
Für die meisten Menschen sind gelegentliche Zweifel aber normal und kein Grund zur Sorge. Entscheidend ist, wie Sie damit umgehen.
Wer sein Selbstbewusstsein im Job stärken möchte, braucht vor allem Belege dafür, dass er etwas kann. Bandura hat dafür vier Quellen beschrieben. Die wichtigste davon sind eigene Erfolgserlebnisse, weil sie auf direkter Erfahrung beruhen und nicht auf dem Wort anderer.
| Quelle nach Bandura | Was dahintersteckt | So nutzen Sie sie im Job |
| Eigene Erfolgserlebnisse | Sie haben eine ähnliche Aufgabe schon einmal gemeistert | Aufgaben schrittweise steigern und Erfolge festhalten |
| Vorbilder | Jemand, der Ihnen ähnlich ist, schafft etwas, das Sie sich vornehmen | Kolleginnen und Kollegen bei Präsentationen oder Kundenterminen begleiten |
| Zuspruch und Feedback | Andere trauen Ihnen etwas zu und sagen es | Gezielt Rückmeldung zu einzelnen Aufgaben einholen |
| Körperliche und emotionale Verfassung | Nervosität oder Erschöpfung werden als Zeichen von Unfähigkeit gedeutet | Herzklopfen als normale Anspannung einordnen, ausreichend Pausen einplanen |
Das Gedächtnis ist unfair. Kritik bleibt hängen, gelungene Projekte geraten schnell in Vergessenheit. Ein einfaches Erfolgsprotokoll hilft dagegen: Notieren Sie einmal pro Woche in zwei, drei Sätzen, was Sie geschafft, gelöst oder gelernt haben. Nach einigen Monaten haben Sie eine Liste, auf die Sie vor schwierigen Terminen schauen können. Dieselbe Liste ist übrigens auch die beste Vorbereitung, wenn Sie eine Gehaltsverhandlung führen.
Selbstvertrauen wächst am stärksten an Aufgaben, die schwierig, aber machbar sind. Wer sich vor Präsentationen fürchtet, muss nicht gleich vor der Geschäftsführung sprechen. Ein sinnvoller Weg kann so aussehen: zuerst ein kurzes Update im eigenen Team, dann ein Teilprojekt im Abteilungsmeeting, später die Präsentation beim Kunden. Jede Stufe liefert einen Beleg für die nächste.
Allgemeine Fragen wie „Wie mache ich mich so?“ bringen meist allgemeine Antworten. Fragen Sie konkret: „Was hat in meiner Präsentation gut funktioniert, und was würden Sie beim nächsten Mal anders machen?“ So erfahren Sie, was Sie beibehalten können und woran Sie arbeiten sollten. Positive Rückmeldung zählt dabei genauso wie Kritik.
Vieles an Unsicherheit ist schlicht fehlendes Wissen. Wer ein Thema beherrscht, spricht automatisch ruhiger darüber. Weiterbildungen, Zertifizierungen oder ein Mentor im Unternehmen schließen Lücken gezielt. Welche Nachweise im IT-Umfeld besonders gefragt sind, lesen Sie im Beitrag IT-Zertifizierungen im Überblick.
Selbstbewusstsein wird für andere erst sichtbar, wenn es sich im Verhalten zeigt. Die folgenden Tipps setzen dort an, wo es im Arbeitsalltag am häufigsten hakt.
Je länger Sie in einem Meeting schweigen, desto höher wird die Hürde für den ersten Beitrag. Nehmen Sie sich deshalb vor, in den ersten zehn Minuten etwas zu sagen, auch wenn es nur eine Rückfrage ist. Bereiten Sie für wichtige Termine ein oder zwei Punkte vor, die Sie einbringen wollen. Wer vorbereitet ist, muss nicht spontan glänzen.
Weichmacher wie „vielleicht“, „nur kurz“ oder „ich bin mir nicht sicher, aber“ schwächen eine Aussage, bevor sie überhaupt ankommt. Ab und zu sind sie angebracht. Als Gewohnheit lassen sie gute Ideen unsicher wirken.
| Statt | Besser |
| „Das ist vielleicht eine blöde Frage, aber …“ | „Eine Frage dazu: …“ |
| „Ich wollte nur kurz einwerfen …“ | „Ich sehe das etwas anders, weil …“ |
| „Ich glaube, es könnte eventuell sinnvoll sein …“ | „Ich schlage vor, dass wir …“ |
| „Sorry, dass ich störe …“ | „Haben Sie zehn Minuten für eine Abstimmung?“ |
| „Ich weiß nicht, ob das passt, aber …“ | „Mein Vorschlag wäre …, weil …“ |
Wer zu jeder Zusatzaufgabe Ja sagt, wirkt hilfsbereit, aber selten souverän. Ein Nein muss nicht schroff sein. Begründen Sie kurz und bieten Sie eine Alternative an: „Diese Woche schaffe ich das nicht, ohne das Kundenprojekt zu verschieben. Ab Montag kann ich es übernehmen, oder wir klären gemeinsam, was Vorrang hat.“ So zeigen Sie, dass Sie Ihre Prioritäten kennen.
Niemand weiß alles, und erfahrene Kolleginnen und Kollegen wissen das auch. Ein ehrliches „Das weiß ich gerade nicht, ich prüfe es und melde mich bis Donnerstag“ wirkt sicherer als eine vage Antwort, die später korrigiert werden muss. Wichtig ist, dass Sie sich dann tatsächlich bis Donnerstag melden.
Gute Arbeit spricht nicht immer für sich. Erwähnen Sie Ergebnisse sachlich, etwa im Teammeeting oder im Jahresgespräch: „Die neue Vorlage hat die Bearbeitungszeit pro Anfrage etwa halbiert.“ Wer dabei die Beteiligten nennt, wirkt nicht angeberisch, sondern teamorientiert.
Rund um Körpersprache kursieren viele Faustregeln. Zwei davon halten einer genaueren Prüfung nicht stand.
Oft heißt es, nur 7 Prozent einer Botschaft würden über Worte vermittelt, 38 Prozent über die Stimme und 55 Prozent über die Körpersprache. Die Zahlen stammen aus zwei Studien von Albert Mehrabian aus dem Jahr 1967. Darin ging es um einzelne Wörter, die Gefühle ausdrücken, und um Fälle, in denen Worte und Tonfall einander widersprechen. Mehrabian selbst hat betont, dass seine Ergebnisse häufig falsch zitiert werden. Für eine Projektbesprechung oder eine Präsentation gelten sie nicht.
Richtig bleibt der Kern: Passen Worte und Auftreten nicht zusammen, glauben Zuhörende eher dem Auftreten. Wer „Ich bin überzeugt von diesem Vorschlag“ mit gesenktem Blick murmelt, überzeugt kaum.
Bekannt wurde auch die These, zwei Minuten in einer raumgreifenden „Siegerpose“ würden Hormone verändern und mutiger machen. Eine größere Folgestudie der Universität Zürich mit 200 Teilnehmenden fand jedoch keine Wirkung auf Hormone oder Risikobereitschaft. Bestätigt hat sich nur, dass sich die Teilnehmenden danach etwas mächtiger fühlten.
Körpersprache wirkt vor allem dann, wenn sie zu dem passt, was Sie sagen. Hilfreich sind wenige, einfache Punkte:
In Videocalls kommt hinzu: Kamera auf Augenhöhe, Gesicht gut ausgeleuchtet, und schauen Sie bei wichtigen Aussagen in die Kamera statt auf den Bildschirm.
An Kritik zeigt sich, wie stabil Selbstbewusstsein wirklich ist. Wer sicher ist, muss nicht jede Rückmeldung abwehren und nicht jede annehmen. Diese Schritte helfen:
Bei echten Konflikten mit Kolleginnen, Kollegen oder Führungskräften reicht das nicht immer. Wie Sie solche Situationen strukturiert klären, zeigt unser Beitrag Konfliktlösung im Job: Konflikte am Arbeitsplatz lösen.
Manche Versuche, selbstbewusster zu wirken, gehen nach hinten los. Diese Fehler begegnen uns besonders häufig:
Ob Beschäftigte sich etwas zutrauen, hängt auch vom Umfeld ab. Die Harvard-Forscherin Amy Edmondson hat dafür 1999 den Begriff der psychologischen Sicherheit geprägt: die gemeinsame Überzeugung im Team, dass man Fragen stellen, Fehler zugeben und Bedenken äußern kann, ohne dafür bloßgestellt zu werden. In Teams mit hoher psychologischer Sicherheit beobachtete sie mehr Lernverhalten.
Führungskräfte können viel dafür tun:
Ein guter Start legt dafür die Grundlage. Wie Unternehmen neue Mitarbeitende von Anfang an einbinden, lesen Sie in unseren Onboarding-Tipps.
Aus unserer Erfahrung im IT-Recruiting unterschätzen gerade fachlich starke Kandidatinnen und Kandidaten oft, wie viel sie können. Im Gespräch erzählen sie lieber, was sie noch nicht beherrschen, als was sie schon erreicht haben. Wer seine Erfolge vorher aufschreibt, präsentiert sich deutlich überzeugender, im Vorstellungsgespräch genauso wie im Arbeitsalltag.
Selbstbewusstsein im Job ist kein Talent, das man hat oder nicht hat. Es entsteht aus Erfahrungen, die Sie selbst gestalten können: Aufgaben annehmen, die Sie etwas fordern, Erfolge festhalten und sich Rückmeldung holen. Je mehr Belege Sie für Ihr Können sammeln, desto ruhiger treten Sie auf.
Fangen Sie klein an. Ein vorbereiteter Beitrag im nächsten Meeting oder ein klar formuliertes Nein bringen mehr als jede Pose vor dem Spiegel. Und falls Sie merken, dass Ihr aktuelles Umfeld Ihnen wenig Raum zur Entwicklung lässt, ist auch das eine wertvolle Erkenntnis für Ihre weitere Karriere.
Ja. Selbstbewusstsein hängt stark von Erfahrungen ab und lässt sich deshalb trainieren. Am wirksamsten sind Aufgaben, die Sie fordern, aber nicht überfordern, und die Sie erfolgreich abschließen.
Bereiten Sie ein oder zwei Punkte vor und bringen Sie sich früh ein, idealerweise in den ersten zehn Minuten. Formulieren Sie Vorschläge direkt und verzichten Sie auf einleitende Entschuldigungen wie „Das ist vielleicht eine dumme Frage“.
Selbstbewusste Menschen stehen zu ihren Stärken und zu ihren Grenzen. Arrogante Menschen überspielen Grenzen und werten andere ab. Ein guter Test: Wer selbstbewusst ist, kann Kritik anhören, ohne sie sofort abzuwehren.
Halten Sie Erfolge schriftlich fest und holen Sie gezielt Feedback ein. Sprechen Sie mit Kolleginnen, Kollegen oder einem Mentor über Ihre Zweifel. Oft zeigt sich, dass andere ähnliche Gedanken kennen. Halten die Zweifel lange an und belasten Sie stark, ist professionelle Unterstützung sinnvoll.
Die ursprüngliche Behauptung, eine Siegerpose verändere Hormone, hat sich in einer größeren Folgestudie nicht bestätigt. Die Teilnehmenden fühlten sich danach lediglich etwas mächtiger. Eine aufrechte, offene Haltung schadet nicht, ersetzt aber keine Vorbereitung.
Nennen Sie kurz den Grund und bieten Sie eine Alternative an, etwa einen späteren Zeitpunkt oder eine Klärung der Prioritäten mit Ihrer Führungskraft. So bleibt das Nein sachlich und lösungsorientiert.
Stellen Sie Fragen, statt Unwissen zu überspielen. Gerade am Anfang erwartet niemand, dass Sie alles wissen. Zuverlässigkeit bei kleinen Aufgaben schafft schnell Vertrauen, das Ihnen später größere Aufgaben einbringt.
Notieren Sie vorher drei bis fünf konkrete Erfolge mit Zahlen oder Ergebnissen. So haben Sie Beispiele parat, wenn nach Ihren Stärken gefragt wird. Weitere Hinweise finden Sie im Beitrag Worauf man im Vorstellungsgespräch achten sollte.
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